In Wirtschaftsprüfer vom 16. Februar 2018

Einmal Abschlussprüfung, immer Abschlussprüfung?

Folge fünf der hartnäckigen Vorurteile über Wirtschaftsprüfer

Berufe und deren Vertreter werden gern in Schubladen gesteckt: Juristen drücken sich kompliziert aus, reden dabei aber meist um den heißen Brei herum, während Informatiker in ihrer eigenen Welt leben und wenig Wert auf ihren Kleidungsstil legen. Diese Vorurteile werden mehr oder weniger ernsthaft gepflegt – auf der Campus-Party, in den Medien und andernorts. Wirtschaftsprüfer und Wirtschaftsprüferinnen sind davon nicht ausgenommen. Was aber sagen die „Betroffenen“ selbst dazu? Wir haben uns die häufigsten Vorurteile vorgenommen und nachgefragt.

Stimmt es, dass Wirtschaftsprüfer einem starren Karriereweg folgen, Frau Pernegger?

von Isabelle Pernegger, Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin bei Rödl & Partner

 

Ein starres Berufsbild, ständig wiederkehrende Tätigkeiten und wenig Entwicklungsmöglichkeiten sind nur einige der Vorstellungen vom WP-Beruf, denen ich in Gesprächen mit Studierenden begegnet bin. Glücklicherweise ist der Beruf des Wirtschaftsprüfers alles andere als eintönig, sondern eröffnet viele Möglichkeiten, auch über die klassische Abschlussprüfung hinaus.

Nach dem Abschluss meines Studiums der Medienwirtschaft habe ich im Prüfungsbereich einer Big4 angefangen. Sehr früh wurde ich bei einem DAX-30 Mandat eingesetzt und durfte dort bei der Konzernabschlussprüfung unterstützen. Da ich auch direkt „ganz oben“ auf Konzernebene eingesetzt war, habe ich tiefe Einblicke in den Konzern erhalten und konnte darüber hinaus auch bei einigen Sonderthemen wie z.B. der Einrichtung eines Risikomanagementsystem oder der Umstellung auf IFRS mitwirken. Schon hier wurde klar, dass die Tätigkeitsfelder innerhalb der Wirtschaftsprüfung nicht nur eng auf einen einzigen Teilaspekt konzentriert sind, sondern Wirtschaftsprüfer täglich fachübergreifend mit vielen verschiedenen Themen konfrontiert werden. Tätigkeitsübergreifend sollte man in der Wirtschaftsprüfung Spaß daran haben, mit unterschiedlichen Menschen auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichsten Situationen zusammenzuarbeiten und schnell eine gemeinsame, vertrauensvolle Basis aufzubauen.

Nach Abschluss des Wirtschaftsprüferexamens wechselte ich in den Transaktionsbereich und betreute Due Diligences für Private-Equity Investoren. Hierbei veränderte sich noch einmal der Fokus, die Arbeitsweise wurde flexibler und es gab keinen Standardansatz mehr. Gegenüber dem Mandanten war ich nun Dienstleister und Berater, nicht mehr Prüfer.

Der Wandel vom Prüfer zum Berater erforderte ein anderes Vorgehen. Dennoch fühlte ich mich durch die in der Abschlussprüfung gewonnenen Herangehensweisen und Erkenntnisse stets gut vorbereitet, um schnell ein Verständnis für die jeweilige Perspektive von Investor und Unternehmen aufzubauen.

Aufgrund der Finanzkrise in 2007 begann ich Restrukturierungsthemen zu bearbeiten und Sanierungsgutachten zu erstellen. In diesem Umfeld liegt der Schwerpunkt darin, die Zukunft eines Unternehmens plausibel einzuschätzen. Neben der „Technik“ ist hier Fingerspitzengefühl entscheidend, da die Mitarbeiter des Unternehmens selbst eventuell nicht von der weiteren Fortführung der Geschäftstätigkeit überzeugt sind und das drohende Risiko des Verlustes des Arbeitsplatzes sich zusätzlich negativ auf die Stimmung im Unternehmen auswirkt.

Aktuell betreue ich mittelständische Mandanten im Rahmen von Transaktionsprozessen auf Käufer- und Verkäuferseite als Ansprechpartner auf Augenhöhe für den (Gesellschafter-)Geschäftsführer; meist über den ganzen Prozess vom Abschluss einer ersten Absichtserklärung bis zur Vertragsverhandlung. Häufig werde ich auch in die Entscheidungsprozesse einbezogen, um zu klären, ob der Kauf sinnvoll ist und welche Gründe dafür oder dagegen sprechen. Hierbei spielt wieder die Einschätzung des Gegenübers und seiner Wertvorstellungen, unabhängig vom Preis, eine Rolle, um  sinnvoll beraten zu können.

Abschließend kann ich sagen, dass mein Werdegang mir deutlich gezeigt hat, wie vielseitig und facettenreich die Tätigkeiten eines Wirtschaftsprüfers sein können. Als Wirtschaftsprüfer lernt man Unternehmen und deren Finanzdaten schnell zu verstehen. Hat man sich einmal dieses Verständnis angeeignet, stehen einem vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten offen, wenn man gewillt ist, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen.

Weiterlesen:

Arbeiten Wirtschaftsprüfer nur im Winter?

Folge drei

Sitzen Wirtschaftsprüfer nur im stillen Kämmerlein?

Folge vier


Bildnachweis: @istock/second-floor


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