In Wirtschaftsprüfer vom 15. Oktober 2018

#Wirtschaftsprüfer digital (7): Abschlussprüfung in Zeiten der digitalen Revolution

Donnerstag, 17:30 Uhr: Dietmar Prümm, Partner bei PwC, arbeitet im Home Office. Der 48-jährige berichtet der Expedition Wirtschaft von seinem Job.

Wie digital arbeiten Wirtschaftsprüfer heute – und wie wird das in ein paar Jahren aussehen, wenn ihr auf Jobsuche geht? Für die Expedition Wirtschaft lassen sich einige Berufsangehörige auf ihren Schreibtisch bzw. auf ihren Laptop blicken. Da sie die Interna vieler großer und mittelständischer Unternehmen kennen, erfahrt ihr auch, wie weit dort die Digitalisierung schon fortschreitet.

Ich bin Partner bei PwC, einer der großen vier Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Als Abschlussprüfer prüfe ich vor allem DAX-30-Unternehmen. Daneben bin ich Mitglied im Leadership Team des Bereichs Wirtschaftsprüfung und prüfungsnahe Beratung, zuständig für „Audit Transformation“. Unsere zentrale Frage dort ist: Wie gestaltet man eine Prüfung noch effizienter und effektiver, und vor allem, wie kann man die ohnehin hohe Prüfungsqualität durch den Einsatz intelligenter Technologien weiter steigern? Dazu betrachten wir die zuweilen sehr unterschiedlichen Risiko- und Technologieprofile unserer Mandanten, um hieraus individuelle Prüfungsansätze abzuleiten.

Hierzu notwendig ist auch, dass wir uns laufend mit neuen Technologien beschäftigen, die wir in der Prüfung einsetzen können: so befassen wir uns mit den Entwicklungen in den Bereichen Künstliche Intelligenz oder Blockchain und mit datenanalytischen Anwendungen. OCR, d.h. „Optical Character Recognition“, also die Texterkennung in Dokumenten ist so weit fortgeschritten, dass wir Dokumente und Belege zuverlässig erfassen und verwerten können. Mein Thema ist vor allem Data Analytics – hier geht es unter anderem um komplexe Tools für intelligente statistische Auswertungen.

Mehr Zeit für mehr Wert

Die Technologien, die uns heute zur Verfügung stehen, nehmen uns als Abschlussprüfer bereits einige Aufgaben ab, für die wir früher viel Zeit verwendet haben. Durch die freigewordene Zeit sind wir besser denn je in der Lage, unser Augenmerk auf die komplexen bzw. risikobehafteten Prüfungssachverhalte zu richten und durch zusätzliche Analysen Mehrwert für unsere Mandanten zu generieren. Ich nenne mal ein Beispiel: Wenn wir als Abschlussprüfer Belege prüfen, dann ziehen wir Stichproben. Unsere Tools erlauben es, das Volumen dieser Stichproben deutlich zu erhöhen, z.B. statt 2.000 Belegen nun auch 200.000 zu überprüfen und damit ein vollständigeres Bild zu erhalten. Aber unsere Tools können noch weit mehr: sie können Daten auf Plausibilität prüfen, Anomalien finden oder sogar Muster erkennen, die uns neue Einsichten ermöglichen. Die Devise heißt also nicht nur schneller und mehr, sondern auch: größerer Mehrwert für den Mandanten.

Job als WP vs. Job in der Industrie

Ich bin Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, zuvor habe ich BWL studiert. Das Interesse für Mathematik und Stochastik entwickelte sich bei mir schon während meines Studiums an der RWTH Aachen, einer stark naturwissenschaftlich geprägten Hochschule. Meine Tätigkeit als Wirtschaftsprüfer bei PwC habe ich zwischendurch für einige Jahre unterbrochen und in einem Industrieunternehmen gearbeitet, wo ich u.a. das Controlling neu aufgesetzt habe. Zu diesem Zweck haben wir gleichfalls Daten aus verschiedenen Quellen datenanalytisch verarbeitet, um eine engmaschige operative Steuerung zu erreichen.

Doch nach dem Exit an einen anderen Private Equity Investor war schnell klar: Die Abwechslung fehlt. Der Beruf als Wirtschaftsprüfer bringt viele Facetten mit sich und ist in der Breite und Tiefe der Fragestellungen sowohl bzgl. unserer Mandanten aber auch durch die technologischen Entwicklungen auf unserer Seite extrem abwechslungsreich und herausfordernd: Durch die Prüfung erlangt man Erkenntnisse, die es ermöglichen, ein Unternehmen und dessen Prozesse in großer Tiefe zu verstehen. End-to-end, von der Initiierung eines Geschäfts bis zur Abbildung im Zahlenwerk. Mandanten aus unterschiedlichen Branchen zu betreuen, sorgt dabei für eine Menge Abwechslung und ermöglicht sehr spannende Quervergleiche. Man kann seine beraterischen Kompetenzen nutzen, ist sehr nah an den Transaktionen und gefordert, analytisch zu denken. Umgekehrt ist es hochgradig spannend aus der Nähe zu sehen, wie unserer Mandanten auf die technologischen Entwicklungen und das hiermit oftmals ändernde Marktumfeld reagieren. Nicht zuletzt ist es eine große persönliche und berufliche Bereicherung sowohl mit erfahrenen Experten als auch jungen Nachwuchstalenten aus verschiedenen Bereichen zusammenzuarbeiten, die nicht notwendigerweise nach Routine, sondern Herausforderungen suchen. So bereichern wir unsere Prüfungsteams mit MINT-Spezialisten: Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker. Selbst Psychologen, Verhaltenswissenschaftlern, Prototypern, Designern und andere Berufsgruppen eröffnet PwC mittlerweile neue Karrierewege.

Als Ausgleich zu meiner Arbeit genieße ich die Zeit mit meiner Familie auf Road Trips, grille mit Freunden oder wandere in den Alpen.

Prüft nicht einfach vor euch hin!

„Prüft nicht einfach vor euch hin, seid mit Lust und Kreativität dabei, denkt breit und quer!“ Das ist die Herausforderung für unsere Berufseinsteiger heute. Man ist gut beraten, bereits während des Studiums ein Verständnis sowohl für die Wirtschaftsprüfung als auch für IT-Themen zu entwickeln. Viele Kernkompetenzen, die heute zum Anforderungsprofil des Wirtschaftsprüfers gehören, werden auch zukünftig relevant sein. Regulatorisches Wissen, Wissen um Systeme und Prozesse, das Geschäftsverständnis für unsere Mandanten, Industrie Know-How. Neu dazukommen werden Kenntnisse der Informationstechnologie, das Verständnis für die Möglichkeiten moderner IT-Applikationen. Ich glaube, diese Dinge werden morgen zum Standardwerkzeugkasten des Wirtschaftsprüfers gehören müssen. Denn die komplexe Verbindung von fachlichem und technischem Know-How und wird zukünftig den Unterschied machen. Die Arbeit in der Wirtschaftsprüfung empfinde ich als intellektuell befriedigend und anspruchsvoll – und man lernt laufend viel dazu. Das perfekte Rezept für eine Karriere in diesem Beruf ist: Lust auf Neues, Kreativität, Dinge infrage zu stellen.

Revolution – nicht ohne Risiko

Wir erleben gerade einen Kulturwandel – das Thema Digitalisierung ist keine Randentwicklung, es ist revolutionär! Die Veränderungen durch die Digitalisierung erfassen alle, sie sind nicht nur eine Sache der Chefetage. Unternehmen, die erfolgreich sein wollen, müssen die Veränderungen auf allen Ebenen meistern. Das ist alles, nur nicht trivial.

Für die Unternehmen birgt dieser Prozess, bei dem oft nicht klar ist, in welche Richtung er geht, erhebliche Risiken. Und das gilt längst auch für Dienstleistungsberufe wie unseren. Die Innovationen sind vielfältig und niemand weiß mit Sicherheit, welche sich durchsetzen werden – die große Frage, die sich jedes Unternehmen stellen muss, ist: wie und wo investieren wir, ohne unnötig Geld zu versenken? Lehrgeld ist manchmal gut, Schmerzensgeld eher nicht. Bei Unternehmen, die sich falsch entscheiden, kann es schnell um die Existenz gehen.

Schon lange erleben wir, dass standardisierbare Prozesse verlagert werden in Länder mit niedrigeren Lohnkosten wie Indien oder Malaysia – aber dabei blieb die Tätigkeit an sich dieselbe. Der Einsatz von Robotics, von künstlicher Intelligenz und modernen IT-Tools dagegen scheint menschliche Arbeit in bestimmten Bereichen überflüssig zu machen. Müssen wir also Angst haben? Nein. Technologie muss als Befähiger des Menschen verstanden werden und nicht als vollständiger Ersatz. Für die freigewordene Zeit der Menschen werden höherwertige Tätigkeiten geschaffen, wir können auf das Wesentliche refokussieren, unser Tun neu kalibrieren – und niemand ist traurig darüber, wenn stupide Tätigkeiten nunmehr von Maschinen erledigt werden. Unser Beruf ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Aus den eingesetzten Tools fallen riesige Datenmengen an. Die Technologien helfen uns, die Datenmengen zu strukturieren, zu analysieren, Anomalien zu erkennen und in Kombination mit dem Expertenwissen der Wirtschaftsprüfer, mit dem Wissen um die Geschäftsmodelle des Mandanten, entsteht dann die richtige Schlussfolgerung. Der Ermessensspielraum und das Know-How des Wirtschaftsprüfers wird weiterhin der Schlüssel sein, die Erkenntnisse zu gewinnen und zusammenzubringen. Dadurch schaffen wir höhere Qualität und damit eine höhere Wertschöpfung. Keine Bedrohung, sondern eine Verschiebung, bei der Prüfer und geprüftes Unternehmen gewinnen.

Denn am Ende des Tages geht es um Vertrauen – in die Systeme, Prozesse und das Zahlenwerk eines Unternehmens. Kurzum: Vertrauen in die Kapitalmärkte. Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man mit seiner Tätigkeit tagtäglich dazu beiträgt.

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